Praxisbeispiel – Arbeiten im Bild

 

Dieses Praxisbeispiel ist aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes rekonstruiert, basiert aber auf einer Arbeit im Rahmen der stationären Therapie für drogenabhängige Männer mit erheblicher Kriminalitätsbelastung.

Mit Hilfe eines Dominospiels, einer Öllampe und einiger Symbole aus dem Schneider-Therapiekoffer Nr. 4 wurde mit einem Klienten an dessen Gewaltproblematik gearbeitet. Um aus der Öllampe eine symbolische Bombe zu machen, habe ich kurzerhand den Docht aus der Führung herausgezogen.

Der mehrfach wegen Körperverletzung verurteilte Klient bat darum, seine – wie er sich ausdrückte – Impulskontrollstörung zu bearbeiten. Der Verlauf einer mit ihm durchgeführten Arbeit wird hier im Wesentlichen skizziert.

Eingangsfrage: Was ist das Problem?

Antwort: Manchmal explodiere ich, kann mich nicht bremsen. Das ist immer so ein Ablauf, den ich nicht stoppen kann.

Nachfrage: Wie soll es denn sein?

Antwort: Ich will das stoppen können und mir nicht schon wieder so viel Ärger einhandeln.

Frage: Wie fängt das an und wie geht das weiter? (Ich fordere den Klienten auf, einen typischen Ablauf symbolisch zu rekonstruieren. Zunächst biete ich ihm die Bombe und das Dominospiel an.)

Der Klient baut dieses Szenario auf.

 

Frage: „Was passiert jetzt?“ Der Klient stößt des ersten Stein um und der „Ablauf, der nicht zu stoppen ist“ wird symbolisch in Gang gesetzt: Der erste Stein fällt und es kommt zu einer Kettenreaktion. Anmerkung des Klienten: „So soll es nicht sein.“ Ich fordere auf, die Steine wieder aufzustellen.

 

Arbeitsauftrag: Erläutern Sie bitte, werlche Bedeutung die einzelnen Dominosteine haben („Was steckt denn dahinter? Bitte benennen Sie das so konkret wie möglich.“). Benutzen Sie dafür bitte jeweils ein Symbol aus dem Koffer 4. Daraufhin spezifiziert der Klient sein Bild wie hier dargestellt.

Arbeitsauftrag: Erklären Sie bitte mir diesen Ablauf anhand der Symbole, die Sie gewählt haben.

(Schilderung hier fragmentarisch widergegeben.)

  1. „Manchmal fühle ich mich isoliert.“ (Symbol: die drei Affen „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.)
  2. „Dann bekomme ich schlechte Laune“ (Symbol: der vertrocknete Strauch)
  3. „Dann betrinke ich mich“ (Symbol: Spirituosenflasche)
  4. „Ich verprasse mein Geld, will mich irgendwie trösten“ (Symbol: Geldschein)
  5. „Ich werde verbal aggressiv, beleidige andere Menschen“ (Symbol: Kanone)
  6.  „Ich irre ziellos in der Gegend umher“ (Symbol: Auto)
  7.  „In mir verkrampft alles.“ (Symbol: Stein)
  8.  „Dann gehe ich wie durch ein Tor, als wäre da etwas Schwarzes und dann verliere ich jegliche Kontrolle“ (Symbol: geöffnetes Tor)
  9.  „Schließlich bekommt es irgend ein wildfremder Mensch ab und ich schlage zu“ (Symbol: Bombe)

Arbeitsauftrag: Betrachten Sie Ihre Arbeit und entscheiden Sie, welchen Dominostein Sie entfernen wollen (analog zur Frage: „Wie soll es sein?“).

Der Klient nimmt einen ersten Dominostein und das dazugehörige Symbol „Spirituosenflasche“ aus dem Bild. (Ob es sich hierbei um den „einfachsten“ Schritt handelt, sei einmal dahingestellt, es wird aber deutlich, wo der Klient ein besonderes Risiko sieht. Auch zeigt sich hier das Prinzip „Begreifen im wörtlichen Sinne“ und auch der implizite Aufforderungscharakter der Arbeit mit Symbolen wird deutlich.). Es entsteht ein erstes verändertes Bild.

 

Frage: Was kommt dann? Wiederum verändert der Klient sein Bild. Er entnimmt einen weiteren Dominostein und das Symbol Auto, welches für das „ziellose Umherirren“ steht.

 

In der nächsten Veränderung innerhalb des Bildes entnimmt der Klient das Symbol „Geld“.

 

Ich fordere dazu auf, die verbleibenden Symbole an die Seite zu stellen und sich auf die verbleibenden Dominosteine zu fokussieren. Der Klient stößt abermals den ersten Stein an, die Kettenrekation bleibt aus.

Fazit: Er hat sich mit dieser Arbeit innerhalb von ca. 30 Minuten den  „unkontrollierbaren Ablauf“ plastisch vor Augen geführt, segmentiert,  seine persönlichen Risikofaktoren benannt und priorisiert.

Im weiteren Verlauf der Therapie wurde immer wieder an diese Arbeit angeknüpft – oft entlang der Frage: Wie sieht es heute mit der Spirituosenflasche / dem Geldschein / dem Auto aus? Durch diese Fragen eröffnete sich unmittelbar der Zugriff auf die hier erarbeiteten kognitiven und emotionalen Inhalte seines Problems.

Manchmal rege ich an, ein Symbol an besonderer Stelle aufzubewahren oder mit sich zu tragen. Ein Dominostein als Halskette verankert das so Erarbeitete oft langfristig …

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